Der ewige Netzdiskurs und seine Kinder

Der tägliche Blick auf die Welt richtet sich heute auf den ewig gleichen Gedanken über den Internetkommentar. Kleiner Newsmix dabei, nicht dass man noch denken würde die Welt bessert sich.

Der Jemen ist eine Schmuggelroute für Afrikaner, die nach Saudi Arabien sollen. Als ich dieses Bild entdeckte, das leider keinen weiteren Kontext anbietet, stellt sich mir nun die Frage, ob die Route trotz des Krieges weiterhin genutzt wird?

Kommentar

Sascha Lobo hat ein recht spezielles Problem. Er muss jede Woche einen Text mit Knalleffekt hervorbringen und darf dabei seine Stammleser nicht vergraulen. Das heißt, er muss deren Glaubensideologie bedienen und alles, was er schreibt, in deren Denkwelt einflechten. Sonst verliert er seine Basis und wenn die erstmal fehlt, dann könnte er wie die AfD enden. Als Splitterstück.

Der Internetkommentar ist ironischerweise das Symbol für das vorläufige Ende des Diskurses: Es kommt nur noch auf die emotionale Inszenierung des Moments an. Die spontan gefühlte Wahrheit ersetzt die Wahrheit, die momentane Überrumpelung ersetzt das Argument, der plötzliche Knalleffekt ersetzt die Erkenntnis. Bei einer Diskussion kommt es nicht darauf an, wer argumentativ überzeugt, sondern wer so wirkt, als habe er gewonnen. Der völlig verbogene Internetdiskurs vollendet damit, was das Fernsehen begonnen hatte: Politik nur für den Moment, Politik für Leute ohne Gedächtnis, Politik ohne Verantwortung für Vergangenheit oder Zukunft.

So oder so ähnlich könnte man Lobo jedenfalls wohlwollend betrachtet lesen. Denn es klingt ja immer richtig, was er so schreibt. Zumindest dann, wenn man es aus der Warte “des Netzes” betrachtet. Frauke Petry und Donald Trump stehen demnach gleich für ein ganzes mediales Phänomen, das mit dem Fernsehen begann und sich mit dem Internet durchsetzt. Nehmen wir die These für sich, dann spricht da aber nicht Sascha Lobo sondern Neil Postman. Und von Postman, halte ich nicht sehr viel.

Das Problem von Lobos Gedanken sieht wie folgt aus: Wenn in einem Raum lauter Menschen sind, und diese Menschen alle Reden, dann setzen sich die lautesten Stimmen durch. Um Inhalte geht es nicht, denn je tiefgehender ein Inhalt ist, desto leiser und ausschweifender wird er vorgetragen. Man muss sich konzentrieren. Man kann solcherlei recht gut in der Oper, beim Theater oder auch im Kaffeehaus beobachten. An all diesen Orten aber haben wir die Möglichkeit das Geplärr nicht wahrnehmen zu müssen. Unser Sein definiert sich nicht über das Geplärr, sondern über die Definition dessen, was uns wichtig ist. Das kann Geplärr sein, wenn wir in Gruppen aufgehen und es lieben, mit anderen eins zu sein. Es kann aber auch das Studium der Gedanken Einzelner sein, die wir herausfilterten und dann vielleicht zum Abendessen treffen. In ruhiger Atmosphäre.

Überträgt man das aufs Netz, dann führt man die interessanten Dialoge beispielsweise nicht auf Facebook. Selbst eigentlich gesittete Menschen hauen dort Sachen raus, weil sie mal raus mussten und beschweren sich dann im nächsten Post über die ganzen aufgebrachten anderen Posts. Man sucht sich im Netz für den Diskurs die Nischen, in denen es nicht um die pure Aufmerksamkeit geht.

Hinter all dem steht die Frage, zu was das Netz überhaupt taugt und ist all das denn wirklich mehr, als Selbstversicherung? Denn ein riesiger Raum, bleibt ein riesiger Raum. Allen Filtermethoden zum Trotze, muss man ständig anpassen, damit dieser riesige Raum, in den alle reinplappern, kontrollierbar und somit sinnvoll bleibt. Es gibt an dieser Stelle drei Dinge, die uns zu denken geben sollten:

  1. Medien, die explizit von diesem Raum leben wollen, können sich nur seinen Regeln unterwerfen. An dieser Stelle bedeutet Qualität nur eine quantitative Qualität, also ein Produkt, das den meistmöglichen Menschen gefällt. Der Inhalt spielt keine wirkliche Rolle.
  2. Wahrgenommen wird, wer spricht. Erfahrungsgemäß aber schweigen die meisten Menschen und äußern sich nicht. Man kann das als schweigende Mehrheit deklarieren, die per se böse ist, oder als Part, der aufgrund des aktiven Parts nicht teilnehmen will.
  3. Das Silicon Valley baut seine sozialen Plattform seit Jahren auf der Basis der Bedürfnisse von Jugendlichen auf. Diese gilt es zu erreichen und auf entsprechend viel (bürgerlicher) Unkultiviertheit beruhen die Mechanismen in der Plattformen. Sie sind schon vom Grunde her auf eine Abgrenzung zur Sitte der Erwachsenen programmiert. Dass nun gerade Journalisten sehr affin darauf reagieren, und diesen Kram in die Breite tragen, spricht vor allem auf ein ähnliches Grundhandlungsmuster innerhalb der eigentlichen Berichterstattung.

Wer das aufmerksam gelesen hat, wird gemerkt haben, dass nur vom Internet gesprochen wird. Was in diesen Diskussionen allzuoft vergessen wird, ist die simple Tatsache, dass wir vor dem Internet und auch noch mit dem Internet, immer noch die Ebene der Realität und der Printprodukte haben, die eine ganz andere Art der Diskussion ermöglichen. Sicher, da wird einiges zusammenwachsen, aber wer diesen Diskurs ohne die Realität im Bunde führt, kann auch nur Negatives berichten.

Das eigentliche Thema ist also vielleicht eher im Bereich fehlende Resistenz gegenüber simpelsten Mechanismen anzusiedeln. Wieviel Kind steckt im Erwachsenen oder umgekehrt, wie erwachsen sind Kinder?

Themen in Beobachtung

Genaugenommen scheinen gerade alle ihre Strategie zur See zu überarbeiten. China rüstet auf und beginnt zu agieren. Russland wie auch die EU werfen ihre Kräfte gen Antarktis und die USA, naja, sind vor allem in der Defensive, da sie das abgebende Land sind.

Some perspective is important. The United States has the most technologically sophisticated navy in the world, operating in virtually every corner of the globe. It boasts a total of 272 ships and submarines, along with more than 150 vessels in the reserve fleet. The Chinese navy still lags far behind, but Beijing’s ship-building spree means that it could rank as the second most powerful maritime force by 2020, according to some estimates.

Mir ist zwar klar, dass gerade der “Kampf um die Antarktis” vor allem über die Marine ausgetragen wird, aber warum es nun so wichtig ist, sich mit den Chinesen im Südchinesischen Meer zu messen, konnte mir bisher nicht sonderlich gut nahegebracht werden. Macht ist kein Selbstzweck, auch wenn sie meist so eingesetzt wird. Interessant ist diese Entwicklung vor allem deshalb, weil sie die Budgetverteilung zu Gunsten der Seekräfte verändern könnte. In Zeiten, in denen an Land immer mehr Proxy- und Hybridwars geführt werden, eine eher ungute Entwicklung.

A Yemeni government delegation and representatives of the Shia Houthi rebel group are meeting in the city of Biel for peace talks backed by the UN. The talks are expected to last all week.

Wie lange auch immer der hält. Geplant sind sieben Tage.

Während der IS auf Ölfelder in Libyen vorrückt, ein erstes Zeichen für finanzielle Nöte, versuchte man in Italien auf einer Libyenkonferenz die Fraktionen zu einigen um den Konflikt in den Griff zu bekommen. Dabei geht es natürlich mal wieder um den Stopp der Flüchtlingsbewegung und eine Stärkung der Truppen im Kampf gegen ISIS. Wie zu erwarten, hat es nicht viel gebracht. Die 17 teilnehmenden Staaten sahen sich zu vielen Einzelggruppen gegenüber, die wenig Interesse an Lösungen haben. Wir kennen das bereits aus Syrien.

In Libyen geht es nicht nur um Ölquellen, sondern auch um Schmugglerrouten nach Europa. Eine Besteuerung dieser ist recht lukrativ. Wer da im Groben kämpft:

Die islamistisch ausgerichtete Regierung in Tripoli wird von Katar und der Türkei unterstützt, diejenige in Tobruk von Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Der Artikel ist generell lesenswert, wenn man die Krim nicht ganz vergessen möchte. Eine Randnotiz zum Schmunzeln:

In the meantime, Russia has shipped more than 700 mobile generators to Crimea and declared it was ready to transport oil to the peninsula by sea. Notably, Russian authorities have also shipped mobile wide-screen television vans to darkened Crimea to maintain propaganda-rich television broadcasts from Moscow.

Was ist Demokratie?

Nächste Buchrezension im Blog

  • Katja Gloger – Putins Welt (Der Berlin Verlag stellte mir netterweise eine Rezensionsexemplar zur Verfügung. Das Buch kommt in die Reihe, da mir mehrere Empfehlungen zukamen. Ich versuche keine Erwartungen hineinzulegen.)
  • Atef Abu Saif – Frühstück mit der Drohne (Über den Krieg in Gaza aus der Erlebnisperspektive eines Bürgers.)

Buch (am Lesen)

  • Christopher Clark – Die Schlafwandler (Was für ein Buch. Wer der Themenlage des Blogs zugeneigt ist, sollte es unbedingt lesen.)

Bücher (zu lesen)

Da ich gerade Christopher Clark lese und die Wichtigkeit erkenne, habe ich die Liste umgeschmissen. Als nächstes daher, und das soll bis nächstes Jahr dann auch erstmal reichen:

  • Herfried Münkler – Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918

Aktuelles Spiel

Weihnachts- und Neujahrspause

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