Kontraste

Der tägliche Blick auf die Welt richtet sich heute auf das Leben.

Kommentar

All das Trübsal. All die Gram. Und warum, so frage ich mich, muss man den Schandtaten der Lebenden mit Schweigen gedenken? Jaja, man gedenkt der Toten, aber der Auslöser sind die zunächst noch Lebenden gewesen, die zu einer Tat schritten. Man kann nicht des einen Gedenken ohne das andere anbeihaften zu haben. So wie wir, die wir noch leben und die uns sehr wenig bertrifft außer das Gefühl der Nachricht, in die sich der eine mehr, der andere weniger, hineinversetzen kann. Wir sind immer dabei, wenn etwas geschieht und wir werden auf ewig gewesen sein, wenn wir nicht mehr leben. Also sind wir irgendwie immer, meist jedoch gewesen. Ein sonderbares Geschenk, dieses Leben.

Bei aller Einigkeit der Mehrheit gibt es wie immer die Gegendiskutanten, die ritualisiert das Verhalten in Frage stellen und doch auch nur zur Konstituierung der Mehrheit beitragen. Statt nun zu rufen, dass man weiter ausgehen solle oder sich nicht ängstigen möge, könnte man doch auch einfach nur leben wollen.Vielleicht so wie bis zum Donnerstag. Vielleicht macht das ja glücklich. Wenn nicht, dann könnte man jetzt anders leben wollen. Man selbst, für sich. Nicht für andere. Schon gar nicht wegen dem, was ohnehin niemand kontrollieren kann.

Themen in Beobachtung

Das Wort „Herbst“ beinhaltet die Buchstabenkombination „bs“, die den anderen Horrorkonsonantengeschwistern gleicht. Das Wort wirkt dadurch ein wenig abgestanden. Es ist gelbbraun und rot, das ist keine Überraschung, es hat Bäume, die aus den H-Säulen hervorgehen, auch das ist naheliegend. Und es verschwindet immer wieder von der inneren Wortbühne; ich gebe mir keinerlei Mühe, es zum Bleiben zu überreden.

BS, auch eine Abkürzung für Bullshit, scheint nicht nur dahingehend schwierig. Und in letzter Zeit müssen wir uns wahrlich viel Bullshit anhören. Ich empfehle das Weghören und das Lesen der Texte von Piksyn.

Die Gewerbetreibenden von Crickhowell haben sich zusammengetan, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Vom Fleischer bis zur Floristin: Alle haben sie für bescheidene Gewinne brav Steuern gezahlt. Anders als die Apples und Facebooks dieser Welt, die ihre Profite in Steueroasen schleusen.

Die Aktion ist absolut großartig und sollte Schule machen. Denn umso mehr Menschen sich der Praktiken der Großkonzerne bedienen, desto eher müssen die Staaten handeln. Wir zahlen dann aber auch alle mehr Geld für die Endprodukte dieser Konzerne. Der Preis der Gerechtigkeit.

Safranski ist so schwierig, dass er schon wieder interessant ist. Damit sind weniger seine Gedankengänge gemeint, denn die sind tatsächlich interessant. Es ist die Mischung dieser Gedanken mit seiner politischen Meinung, die ich in weiten Teilen nicht teile. Und teilen führte schon immer zur Teilung wie auch zur Gemeinsamkeit. Zu denken geben sollte uns die wahlweise Inkonsistenz seines Denkens. Bei uns selbst fällt sie uns selten auf, aber bei anderen umso mehr.

Nun gibt auch noch der Fussball Anlass zur Zerknirschung: Das WM-Sommermärchen soll gekauft gewesen sein.

Nichts ist bewiesen, doch ich vermute: Ohne zu bezahlen, bekommt niemand eine WM. Das war vorher so, und das wird so bleiben. Denn die WM in Russland und Katar ist wohl auch verkauft worden. Ich wundere mich, dass in Deutschland die Verantwortlichen nicht einfach erklären: Natürlich war die WM 2006 gekauft! Auch ein Sommermärchen hat seinen Preis!

Es existiert ja noch der Rechtsstaat, der nicht einfach “Gesinnungsethik” praktizieren kann oder zumindest nicht sollte. Sonst braucht man mit “Verantwortungsethik” gar nicht erst anfangen. Der Flüchtling jedoch, um in Safranskis Bild zu bleiben, scheint nicht sehr märchenhaft, darf also keinen Preis haben. Nichts kosten. Ein sehr schiefes Bild.

Musik

Westlicher Pop, in Gestalt traditioneller japanischer Musik. Die einzige Variante, in der ich Michael Jackson ertrage.

Nächste Buchrezension im Blog:

  • Atef Abu Saif – Frühstück mit der Drohne (Über den Krieg in Gaza aus der Erlebnisperspektive eines Bürgers.)

Buch (am Lesen):

  • H.D. Thoreau – Essays (Nur wegen Trudeau, den viele mit Thoreau verwechseln.)

Bücher (zu lesen):

  • John Lloyd & Laura Toogood: Journalism and PR (Auf die Studie stieß ich durch einen Artikel in der NZZ und einige Thesen klangen verheißungsvoll.)
  • Wendy Brown auch endlich ein Buch in Deutschland veröffentlichen darf. Lange genug hat es gedauert und ich habe an verschiedenen Stellen dafür geworben, da sie eine der schärfsten Beobachterinnen unserer Zeit ist.)
  • Navid Kermani – Zwischen Koran und Kafka: West-östliche Erkundungen (Kermani mag ich sehr, weil er versucht die Welten zu verbinden und genau das ist es, was auch wir hier viel mehr brauchen.)

Kommentar verfassen