Putins Strategie in Syrien ist am Scheitern

Der tägliche Blick auf die Welt richtet sich heute auf Syrien und die Krim. Ausführlichst.

Wenn man in Moskau von der Erlöserkathedrale zum Verteidigungsministerium scharwenzelt, gelangt man an die Außenmauer dieses Komplexes. Man geht eine kleine Anhebung hinauf und wird dabei begleitet von zunächst alten Bildern, in Form von Ölgemälden, die historische Schlachten und russisches Heldentum darstellen. Mit jedem Bild und Schritt nähert man sich der Gegenwart. Am Reichstag vorbei, wechseln die gemäldeartigen Darstellungen hin zu einer fotografischen Heldenprosa. Erfolge noch und nöcher heben das russische Gemüt. Fast jedes Bild ist größer als das vorherige und nähert sich dadurch dem Boden an. Man schaut nicht mehr hinauf, in die weite Vergangenheit, sondern fast schon geradeaus in das Hier und Jetzt.

Kommentar

Es wird kompliziert.

  1. Die Türkei hat ein russisches Kampfjet abgeschossen. Russland behauptet, es wäre auf syrischem Gebiet gewesen. Die Türkei erklärt das Gegenteil und ergänzt, dass sie innert fünf Minuten zehn Warnungen sendete, den Luftraum zu verlassen. Diese sollen ignoriert worden sein, daher schoß man den Jet ab. Derweil befindet sich ein Pilot in türkischer Verwahrung. Laut russischen Staatsmedien, die der Angelegenheit kurz vor dem Wetter kaum einen Satz widmeten, soll es sich um eine Suchoi 24 handeln. Altes Fluggerät, das bis 2020 ausgesondert werden soll, da es eine Pannenserie gab. Auch die Türkei spricht von einer SU 24.
  2. Gleichzeitig geht es auch in Sachen Krim weiter. Nachdem Saboteure (da in der Ukraine wegen Sabotage ermittelt wird, werden sie hier so genannt) die Stromversorgung zur Krim gekappt haben (vermutlich aus dem Umfeld des rechten Sektors und der Krim Tataren), reagierte Russland mit einem Lieferstopp für Anthrazitkohle in die Ukraine. Die Reaktion seitens der Ukraine darauf folgte in Form eines Stopps der Warenlieferungen auf die Krim. Zum Thema Krim empfiehlt sich das Lesen der Ukraine-Analysen 158. Demnach verdient (Gewinn) die Ukraine an den Stromlieferungen in die Krim momentan 140 Mio. US-Dollar.
  3. Die USA weiten das Kampftraining der ukrainischen Armee aus.
  4. Die Aktivität russischer Infokrieger mehrt sich seit dem Kappen der Stromversorgung in die Krim.

Diese Ereignisse haben mehrere Implikationen.

Der Verlust einer Suchoi 24 ist für Russland kein geldwerter Verlust, da die Maschinen ohnehin ausgemustert werden. Es zeigt aber der Weltöffentlichkeit, dass die Russen keineswegs einen Hightech-Krieg führen, wie sie seit Beginn ihres Bombardements in Syrien behaupten. Vielmehr fliegen sie mit altem Gerät, dass bis 2020 aufgrund einer Pannenserie ohnehin vor dem Exitus stand. Im Sinne der russischen Informationsgebung muss man sich seitens Frankreich nun schon fragen, was es denn bedeutet, wenn die russischen Freunde mit solchen Schrottvehikeln gegen den IS kämpfen. Was man natürlich wissen konnte und nun eben auch wirklich weiß. Der Punkt ist nicht, dass dies nun ein Schlag gegen die Propaganda ist, sondern vielmehr die Werbemaßnahmen für eines der zwei wirtschaftlichen Standbeine zersplittert. Die russische Rüstungsindustrie, für die Syrien auch als Ausstellungsraum galt, in dem sie ihre neuen Errungenschaften vorführen kann, dürfte es am ehesten treffen. Die Russen nutzen aus Kostengründen ihre eigenen Hightech-Waffen nicht. Deren Wirksamkeit im Gefecht unterliegt also einer verminderten Testphase. Als nichts anderes betrachtet diese Industrie solcherlei.

Ungeachtet dessen wissen wir jetzt, dass der Abschuss selbst nicht mehr in Frage steht und es sich jetzt eher um die Frage des Territoriums dreht, auf dem dieser Abschuss zustande kam.

Hier beginnt nun die Spirale, in der wir uns in Punkt zwei wiederfinden, denn was Putin momentan so gar nicht gebrauchen kann, sind die Probleme auf der Krim. Sein Ansatz war, dass er versucht den Krieg in Syrien mit dem Krieg in der Ostukraine zu verknüpfen. Über eine konstruktive Rolle im Minsker Friedensprozess sollte eine Lockerung der westlichen Sanktionen erreicht werden, derweil man sich in Syrien entgegen dem IS gemein macht. Unter den üblichen westlichen Putin-Freunden findet die Strategie gefallen, zumal auch die eigene Wirtschaft davon profitieren kann. Mit den Anschlägen in Paris öffnete sich ein Zeitfenster für Putin, in dem er diese Strategie mit Druck verfolgen konnte.

Die Ukraine hingegen hat keinerlei Interesse an diesem geplanten Verlauf, weil er auf ihre Kosten geht. Auch wenn Russland die Krim annektiert hat, ist deren Wohl und Wehe in starkem Ausmaß von der Ukraine abhängig. Es existiert momentan nur der Luft- und Wasserweg als alternative Versorgungsroute. Beides unterliegt hohen Kosten. Strom und Warenlieferungen kommen daher zu einem großen (und vor allem bezahlbarem Teil) aus der Ukraine.

In der Ukraine gibt es seit Monaten eine verstärkte Diskussion darüber, dass man diesen Hebel nutzen solle, um den völkerrechswidrig annektierten Gebiet die Versorgung abzudrehen. Wie schon gestern erwähnt, verdient die Ukraine aber auch daran und braucht dieses Geld dringend. Poroschenko versuchte daher dieses politische Pfand mit Bedacht einzusetzen. Die neue Eskalation der Lage kommt ihm nun aber nicht ganz unrecht, denn es lenkt den Blick auf zweierlei. Die innere politische Situation in der Ukraine erfordert eine gewisse Unterstützung seitens des Westens, die in Härte gegenüber Putin münden muss. Und der Waffenstillstand in der Ostukraine lässt sich nicht halten. Welche Seite auch immer dafür verantwortlich ist, Minsk II wird momentan nicht umgesetzt.

Im Westen ist es momentan umstritten, wie mit Putin verfahren werden soll. Es existiert keine klare Linie, wegen in sich schwacher Länder, die aufgrund politischer Umfragewerte (Frankreich) oder alter und wirtschaftlicher Bande (Italien, Österreich, Griechenland) die Sanktionen am liebsten beenden würden. Das Zeitfenster für Putins Syriennarrativ ist aber spätestens heute zugegangen. Wie an dieser Stelle berichtet, spielte die Zeit gegen ihn. Die USA senden klare Signale in Richtung Entbündelung und trainieren derweil die ukrainischen Streitkräfte. Im Irak und Syrien hingegen intensiviert man die Beziehungen zur Nordfront, den Kurden, die ebenfalls mit Putin verbündet sind.

Welche Reaktion Putin auf den Abschuss der SU 24 folgen lässt, ist mir unklar. Keine der Optionen ist wirklich gangbar, deswegen gilt es das einfach abzuwarten. Der Kern des Problems für die Türkei wie auch für Russland ist, dass die Türkei ein Nato-Mitglied ist. Jegliche Vergeltung muss bei der bisher schwachen Nato zu einer Reaktion führen, wenn sie denn noch ernst genommen werden möchte. Auch hat Putin ein zweites Problem mit der Türkei, das weniger im Fokus der allgemeinen Berichterstattung steht. Seine Kriegsschiffe brauchen von Erdogan eine Durchfahrtgenehmigung ins Schwarze Meer. Im russischen Krieg gegen Georgien hat er den USA bereits eine Durchfahrt verweigert, weiß diese Karte also durchaus in seinem Sinne zu spielen. Zudem ist nun klar, dass russische Kampfjets bei weiteren Grenzverletzungen abgeschossen werden. Die Türkei ist nicht der Libanon. Aus russischer Sicht, bei weiteren, durch die Türkei gefühlten, Grenzverletzungen.

Verbleibt die wirtschaftliche Ebene, auf der es ohnehin knarzt. Der Bau eines Atomkraftwerkes und sowie eine russische Pipeline nach Europa durch türkisches Gebiet. Die Gaslieferungen selbst dürften kaum zur Disposition stehen, denn weder Putin noch Erdogan können momentan auf große Einnahmen verzichten.

Der Nebel einer möglichen Lösung mag sich momentan nicht lichten, es ist eher komplizierter geworden. Seit dem Kappen der Stromversorgung auf der Krim kann im Netz auch wieder eine verstärkte Aktivität der staatlichen wie freiwilligen Infokrieger verzeichnet werden. Besonders auffällig ist, dass diverse medienkritische Blogs aus einer eher ruhigen Phasen wiedererwachen. Sonderbar, dass solche Zufälle immer wie bestellt aussehen.

Themen in Beobachtung (heute nur als Kurzfassung)

The important thing to remember is that the alternative media will take one of these two lines of argument regardless of the truth of the matter.

Und genau das ist das Problem mit den alternativen Medienangeboten. Sie müssen schon von ihrer Konstruktion her immer mit der Alternative arbeiten, egal wie Wahrheit lautet. Daher habe ich für dieses Format auch die Devise ausgegeben, dass wird versucht wird eine Situation zu verstehen. Die Seite ist wahrlich egal, aber das Bild entsteht immer aus den validen Informationen und wird bei neuen Erkenntnissen angepasst bzw. komplett korrigiert.

Die Linke tut sich mit den Separatisten bekanntlich besonders leicht. Als Randnotiz sei das hier erwähnt, weil zugleich westlichen Journalisten immer häufiger Zutritt zu dem Gebiet verwehrt wird. Das mag auch an den Kämpfen liegen, hält die Entscheidungsträger über diesen Zugang bei Wolfgang Gehrcke und Andrej Hunko aber nicht ab.

Ureinwohner bleiben skeptisch

Nächste Buchrezension im Blog

  • Katja Gloger – Putins Welt (Der Berlin Verlag stellt mir netterweise eine Rezensionsexemplar zur Verfügung. Das Buch kommt in die Reihe, da mir mehrere Empfehlungen zukamen. Ich versuche keine Erwartungen hineinzulegen.)
  • Atef Abu Saif – Frühstück mit der Drohne (Über den Krieg in Gaza aus der Erlebnisperspektive eines Bürgers.)

Buch (am Lesen)

  • Ilija Trojanow und Susann Urban – Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß (

Bücher (zu lesen)

  • John Lloyd & Laura Toogood: Journalism and PR (Auf die Studie stieß ich durch einen Artikel in der NZZ und einige Thesen klangen verheißungsvoll.)
  • Wendy Brown auch endlich ein Buch in Deutschland veröffentlichen darf. Lange genug hat es gedauert und ich habe an verschiedenen Stellen dafür geworben, da sie eine der schärfsten Beobachterinnen unserer Zeit ist.)
  • Navid Kermani – Zwischen Koran und Kafka: West-östliche Erkundungen (Kermani mag ich sehr, weil er versucht die Welten zu verbinden und genau das ist es, was auch wir hier viel mehr brauchen.)

Aktuelles Spiel

  • Fallout 4 (Die ersten 8h haben mich nur bedingt überzeugt. Gleichwohl, ich brauche auch immer so meine 10h, um mit solchen Welten warm zu werden. )

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