Droht die dritte Intifada in Tschetschenien?

Der tägliche Blick auf die Welt richtet sich heute auf Tschetschenien. Dort tobt der IS und wird chirurgisch entfernt. Aber auch der Guardian hat Probleme, während die Lage zwischen Israel und den Palästinensern immer weiter eskaliert.

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Was war?

Die Rezension zu Sasaki Sassens “Ausgrenzung” ist erschienen. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, was an der sonderbaren Darlegungsform liegt.

Kommentar

Der Guardian steht vor größeren Einschnitten. All die Expansion (weltweit), das komplette Verschreiben der Digitalisierung entgegen, der Zug zum Großen. Am Ende scheint es nur bedingt etwas gebracht und 550 Mio. britische Pfund gekostet zu haben. Mit etwas Zahlenkenntnis, könnte man auch sagen: die Probleme deuteten sich schon länger an und brechen nun vollends auf.

Das ist ebenso bedauerlich wie notwendig, denn das nun schon längere Zehren des Guardians von der Substanz, macht es den Renditeorientierteren Zeitungen schwerer, in einem ohehin schon schweren Markt. In dem Sinne ist es eine gute Nachricht. Es sollte sich allerdings niemand Hoffnungen auf eine baldige Besserung machen. Die aktuelle Berichtssaison der börsennotierten Unternehmen zeigt recht klar, dass die Unternehmensgewinne zurückgehen. Die Marketingbudgets werden darunter leiden und die Einnahmen in der Medienbranche gehen dementsprechend zurück.

Nebst der Hoffnung auf eine Marktbereinigung, bleibt nur noch der Konsument als Ausweg aus der Misere. Doch gerade mit diesem mag man nicht so recht, was sich auch daran zeigt, wie vor allem in Deutschland die Medien sich weigern, den veränderten Bedürfnissen gerecht zu werden. Als ob das gegenseitige Vertrauen fehlt. Für wen wird das Produkt Zeitung doch gleich erstellt?

Themen in Beobachtung

Wie es sich in Tschetschenien lebt, erfährt man beim dradio. Eine klassische Diktatur. Ramsan Kadyrow herrscht mit fester Hand und pflegt ein sehr inniges Verhältnis zu Putin. Zur Kommunikation mit der Öffentlichkeit nutzt er Instagram. Twitter scheint nicht sein Ding. Wie wir durch die Situation in Syrien gelernt haben, ist für Russland nicht mehr die Ostukraine interessant, sondern nur noch der Kampf gegen ISIS. Das Imperium wird das absolute Böse besiegen.

Und wie es der Zufall so will, taucht der IS nun plötzlich auch in Tschetschenien auf. In einer großartigen Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitsbehörden wurden gleich drei Terroristen festgenommen. Die Operation war chirurgisch perfekt, die Terroristen sind tot und man wird auch weiterhin.. etc.pp. Die Nachricht fällt in eine ergiebige Gerüchteküche. Mehrere tausend Tschetschenen sollen dem Daesh in Syrien beistehen und so ergibt sich auch ein Rückkehrerproblem. Zudem gerät Russland seit Beginn des Einsatzes in Syrien zunehmend in den Propagandafokus des IS.

The Islamic State poses a danger to the region not because it seeks to connect with local militants who switched their allegiances from the Caucasus Emirate to the IS. The IS has mass appeal for the entire Muslim population of the region. The Caucasus Emirate’s goal was to build an Islamic state in the Caucasus, but the IS organization proposes building an Islamic state for all the world’s Muslims, not just those in the Caucasus.

Es ist vermutlich so, dass Kadyrow hier nicht plötzlich ISIS in Tschetschenien entdeckt, sondern er nur beginnt darüber zu sprechen. Für die sonstige Berichterstattung passt es nun in das Weltbild. Inklusive der chirurgisch korrekten Eingriffe.

Es ist vollkommen egal, wer Schuld trägt. Sobald man den Menschen die Perspektive nimmt, nehmen sie selbst auch keine Rücksicht mehr auf ihr Leben. In diesem Sinne ist der Lösungsansatz für den Konflikt ebenso simpel wie zwischen einem starken Staat und einem schwachen nicht als Staat anerkannten Gebilde nicht umsetzbar.

Vielen Palästinensern wird ihre Lebensgrundlage entzogen. Siedler machen den Palästinensern das Leben schwer, indem sie unter anderem deren Felder in Brand setzen. Das israelische Militär schaut in den meisten Fällen tatenlos zu oder schützt sie bei den Straftaten gar noch.

Es fehlt also an einer Perspektive für die Palästinenser und wir können jetzt in Zeitlupe dabei zuschauen, wie die Lage eskaliert und immer mehr Menschen sterben werden. Nicht etwa, weil die Hamas Raketen abfeuert. Sondern weil die Bevölkerung nicht mehr kann. Sie lebt in ihrem besetzten Lager vor sich hin und kann sich fragen, ob sie dort den Rest ihres Lebens so leben möchte. Die Antwort ist natürlich nein.

Man kann alles im Leben verhandeln, aber nicht die fehlende Perspektive. Ihr Fehlen zersetzt das Menschliche und produziert dadurch auf allen Seiten Unmenschlichkeit. Zweifelsohne ist auch Unmenschlichkeit ein Handeln und zwar ein zutiefst produktives. Es produziert immer weitere Gründe für weitere Unmenschlichkeiten, die alles rechtfertigen was das Stück Fleisch dann ausführt. Man könnte das wissen.

Keine Sorge, alle Seiten sind betroffen.

Wie lebt ein Mensch, wenn er gefoltert wurde?

Nicht sehr angenehm, aber das wussten wir bereits. Der Guardian gibt uns einen vertieften Einblick. Es geht darum, das Individuum so zu brechen, dass es lernt hilflos zu sein.

Nächste Buchrezension im Blog:

  • Atef Abu Saif – Frühstück mit der Drohne (Über den Krieg in Gaza aus der Erlebnisperspektive eines Bürgers.)

Buch (am Lesen):

  • Katja Gloger – Putins Welt (Der Berlin Verlag stellt mir netterweise eine Rezensionsexemplar zur Verfügung. Das Buch kommt in die Reihe, da mir mehrere Empfehlungen zukamen. Ich versuche keine Erwartungen hineinzulegen.)

Bücher (zu lesen):

  • Wendy Brown auch endlich ein Buch in Deutschland veröffentlichen darf. Lange genug hat es gedauert und ich habe an verschiedenen Stellen dafür geworben, da sie eine der schärfsten Beobachterinnen unserer Zeit ist.)
  • John Lloyd & Laura Toogood: Journalism and PR (Auf die Studie stieß ich durch einen Artikel in der NZZ und einige Thesen klangen verheißungsvoll.)
  • Ray Bradbury – Fahrenheit 451 (Für mich dann abschließendes Werk aus der (Gegenwartsdystopie-Reihe.)

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