Die Medienkritik befindet sich im Dauerrausch


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Heute geht es um den Dauerrausch der Medienkritiker, die Angst der Deutschen vor der Welt und die üblichen Konflikte. Aber kaum um Syrien! Die Ukraine ist gerade “in”.

Das mit den Deutschen ist wichtig, der Rest ist tagesaktuell.

Die Links gibt es unkommentiert bei Flipboard.

Was lesen?

Wir leben in Zeiten der Lügenpresse. So schallt es jedenfalls durch die Straßen und sozialen Netzwerke. Was mich an Medienkritik schon immer wunderte, ist aber nicht das Aufdecken und die Erkenntnis des Versagens des gemeinen (und pseudoanonymisierten) Journalisten, sondern die Kommerzialisierung dieses Aktes. Menschen wie Stefan Niggemeier reproduzieren die Bild, in dem sie die Bild verdammen und werden somit zu einem Teil ihres Ökosystems. Niggemeier sieht das bisher (/weiterhin) nicht ein und kritisiert wohl auch daher seine momentanen Brötchengeber nicht. Besonders auffällig ist das bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Demnächst wird er dann sein eigenes Crowdfunding starten und Teil des Deals kann nur sein, dass man ihn aus seinen Verträgen kauft. Alles andere wäre unglaubwürdig, zumal Niggemeier bisher nicht gerade mit Recherchefähigkeiten abseits der Medienkritik glänzte. Man merkt das an Themen wie der Ukraine, wenn er an der Berichterstattung rummäkelt, dann aber selbst eingestehen muss, dass er nach zwei Jahren eben auch nichts genaues weiß. Für Kritik reicht es aber immer, zumal sie für das geneigte Publik schnell geschrieben ist.

In diesem Sinne finde ich die Kritik an der Medienkritik mittlerweile wichtiger, denn sie hilft die Prozesse zu verstehen, die auf uns einwirken. Was die Medienkritik sich beispielsweise nur allzu gerne erspart, ist der Hinweis auf Positives. Es wird gar nicht erst versucht, die Frage zu beantworten, was man denn lesen kann. Wo der Konsument gut aufgehoben sein könnte. Also die Orte zu finden, die das Gute noch bieten. Solcherlei bringt auch nicht ausreichend Aufmerksamkeit und das unterscheidet diese Form der Kritik vom eigentlichen Beruf des Kritikers. Medienkritik, vor allem basierend auf einer Internetgemeinschaft, befindet sich im Dauerrausch des Verriß.

Gestern Abend lag in meinem Briefkasten der Lettre International. Ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis.

Lettre2015-03

Ich lese viel, aber so schnell bin ich dann auch nicht. Lediglich ein “Drüberblättern” war es und das hat es mir ausreichend angetan. Kauft euch einen Lettre und nehmt euch Zeit zum Studium. Das gesamte Inhaltsverzeichnis mit teilweisen Artikeln gibt es auf deren Internetseite zu betrachten.

Kommentar

Letzte Woche war ich in Berlin und habe mich irgendwann gefragt, ob es an mir liegt, oder ob tatsächlich so viele Menschen diese recht ähnlichen Themen umtreibt. Vermutlich beides.

Ganz oben auf der Liste steht die Angst des Deutschen. Niemand weiß so richtig, wovor die Menschen eigentlich Angst haben, aber diese Angst bestimmt ihr ganzes Handeln. Es fängt beim Schweigen gegenüber Vorgesetzten an und hört beim Schweigen von Vorgesetzten gegenüber ihren Mitarbeitern nicht auf. Selbst junge Menschen, die eigentlich für die Revolution zuständig sind, rebellieren nicht mehr sondern opfern sich im Sinne ihrer Karriereplanung. Es ist ein ewiges Entlanghangeln am “das macht man so” geworden.

Doch auch da, wo man scheinbar in Bewegung ist, hat diese Angst sich tief in das Handeln eingewoben. Die gleichen Menschen, die auf Demos eine Manipulation durch die Lügenpresse beschwören, lesen am nächsten Morgen beunruhigt die immer gleichen Zeitungen. Danach empören sie sich im Internet und üben publikumswirksam ihre Medienkritik, aber am Ende dient dieser Vorgang nur dazu, sich dafür zu rechtfertigen, die Produkte zu konsumieren, die man verdammt. So wie man einst ganz empört die Softpornos auf Sat.1 geschaut hat oder noch heute empört die Bild liest. Eine Endlosschleife der Handlungsunfähigkeit.

Die durch Angst ausgelöste Handlungsunfähigkeit scheint mir auch ein Hauptfaktor für die Statistikgläubigkeit unserer Gegenwart zu sein. Man nimmt, was man rechnen kann und geht so gefühlt kein Risiko mehr ein. Zugleich paart sich diese Angst aber mit einer sonderbaren Form der Selbstgeißelung.

Wir sind die Bösen. Wir sind gar nicht so gut, wie wir behaupten. Dieses Narrativ der guten Seite der Macht entstammt dem kalten Krieg. Und die Enttäuschung darüber, dass der Westen nun doch nicht so gut ist, wie er einst schien, also kein weißer Ritter, ist so stark, dass man dazu neigt die Fehler der anderen nicht mehr sehen zu wollen.

Die Aussage von Frank Rieger erfolgte im Zusammenhang mit Syrien. Der bürgerkriegsführende Staatsmann Assad, über den wir hierbei sprechen, wird vom Iran und Russland mit Waffen und neuerdings auch Truppen versorgt. Daran gibt es nichts Gutes, auch wenn der Westen selbst unmoralisch gehandelt hat. Frank Rieger behauptet sonderbarerweise auch, dass die Strategie der Russen durch den Westen erfunden wurde. Anders kann man es sich ja nicht erklären, wie der Russe sonst kopiert haben soll. Die Vorstellung ist reizend. Die westliche Hemisphäre hat während des Kalten Krieges oder gar unter Bush erstmals in der Menschheitsgeschichte solche Dinge getan, die Putin nun kopiert. Mir scheint das historisch nicht sehr korrekt.

Was da aber vor allem gemacht wird, ist eine Legitimation dieser Strategien. Ganz im Sinne der Kreml-Argumentation, dass man so etwas dürfe, weil der Westen das ja auch tut. Eine moralische Aufrechnung, die die Frage nach einem “Richtig oder Falsch” gar nicht erst zulässt. Einmal getan, für immer der Böse.

Wenn man sich nun fragt, woher diese Angst in Deutschland kommt, dann man kann diesen Hang zur Moralkeule nicht ignorieren, die wir uns selbst um die Ohren hauen. Jedes Handeln, egal mit welcher Absicht, wird in der Definition durch die deutsche Öffentlichkeit nicht mehr nur als falsch oder richtig wahrgenommen, sondern, wenn es fehlschlägt, als moralisch verwerflich. Man scheitert sogleich als Mensch, als Individuum oder als Staat. Immer in Gänze.

In Bezug auf den Westen wäre momentan beispielsweise die Frage naheliegend, was denn passiert, wenn man als Staat moralisch unbedenklich handelt. Was passiert, wenn man anderen die Initiative überlässt? Was passiert, wenn ein Staat versucht eben nicht diese verwerflichen Winkelzüge anzuwenden sondern eine friedliche und diplomatische Lösung zu finden?

Obamas Hauptproblem scheint, dass er nicht in einen Krieg ziehen möchte. Letztes Amtsjahr, Friedensnobelpreis und sein ehemaliger Wahlkampf sind eine hohe Bürde. Statt des direkten Krieges, mit Einmarsch der Bordentruppen, wählte er einen anderen Weg. Eine Kombination aus Luftschlägen und der Unterstützung moderater Rebellen. Derweil stellt sich das Pentagon in seinen Kampf gegen ISIS auf mehr als eine Dekade ein. In den USA macht man sich durchaus Gedanken darüber, was man hätte besser machen können und ob der bisherige Weg richtig war.

Diskussionen dieser Art, erst recht in dieser Tiefe, finden sich in Deutschland kaum. Es ist keine Auseinandersetzung mit den Themen, wenn man immer nur behauptet, der Westen sei auch nicht besser und bekomme eh nur, was er verdiene. Das spricht unseren Demokratien die Lernfähigkeit ab und verdeckt den Blick darauf, dass vor allem die anderen das abbekommen, was wir verbocken. Es sind Syrier die sterben, nicht Deutsche.

Die Antwort auf die Problemlagen der Welt lautet nicht, dass man Geheimdienste und Armeen abschaffen muss. Auch nicht, dass man sich aus allem heraushält. Das klingt zwar schön, aber die Realität zeigt, dass die Welt zu einem kommt, egal ob man sie möchte oder nicht. Sei es durch Flüchtlingsströme oder durch Einmischung von außenEs ist das sonderbare an Deutschland, dass es eine Neigung in sich trägt, sich für die Welt nicht zu interessieren. Vielleicht ist das auch die notwendige Grundlage für ein Regime gewesen, dass vor allem eine Vernichtungsabsicht der Welt gegenüber in sich trug.

Das Bedürfnis nach einem Abkapseln von der Welt verbindet in Deutschland momentan alle Probleme. Die Medien streichen ihre Gelder und Aufmerksamkeit für die Berichterstattung außerhalb Deutschlands. Von Flüchtlingen möchte man nette Geschichten hören und sie personalisieren, aber Syrien selbst soll uns bitte wegbleiben. Wenn der Russe die Krim annektiert, soll er sich erklären, aber die Erklärung reicht uns dann auch schon. Europa werden wir nicht mehr los, also muss es deutsch werden. Die USA hingegen macht mit uns was sie will, immerhin haben wir den Krieg damals verloren. Aber, ebenso wichtig, sie nehmen uns auch jegliche Schuld ab.

Themen in Beobachtung

Momentan schauen alle auf Syrien und hätte ich gestern mehr Zeit gehabt, hätte ich auch etwas mehr Tiefe in Bezug auf die Hintergründe schaffen können. Aufmerksamkeit herrscht leider nur da, wo geschossen wird. So findet heute zwar das große Treffen zwischen Merkel, Poroschenko, Hollande und Putin in Paris statt, um den momentanen Waffenstillstand in der Ost-Ukraine festzuzurren, aber selbst dort geht es zum Teil nur um Syrien.

Die momentane Ruhe in der Region sollte wohl niemanden täuschen, denn wie die OSZE heute vermeldete, hat man auf einem Truppenübungsplatz der Seperatisten ein Buratino-System entdeckt. Das mit dem Abzug schwerer Waffen, egal woher sie nun kommen mögen, scheint nicht ganz wie vereinbart zu funktionieren.

ТОС-1А Буратино на репетиции парада 4.5.2010“ von ru:Участник:GoodvintEigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Notiz: Scheinbar war Putin bei seinem Termin mit Hollande pünktlich.

Kurz und Knapp: Der Analyse ist weitestgehend zuzustimmen. Das Hauptproblem in der Ukraine ist, dass es keinen überwiegenden Machtpol gibt, der sich “einfach mal so” durchsetzen kann. Diese Schwäche macht jede Reform zu einer Zerreißprobe, aber sie schützt die Ukraine auch vor einem erneuten Machthaber im Stile Janukowitschs. Zu solch einer Art Mutation hat, wie mir scheint, Poroschenko durchaus das Potenzial. Er wird momentan ganz gut im Zaum gehalten.

Allein die Situation in der Ostukraine sollte alsbald gelöst werden. 5 Mio. Dollar kostet der Spaß täglich, nur hat die Ukraine nicht wirklich eine Wahl.

Bei der Einschätzung der reformatorischen Performanz konzentrieren sich die meisten Stimmen jedoch vor allem auf die Symptome bzw. auf Aktivitäten und Effizienz einzelner Politiker oder Institutionen, während tiefere systemische Ursachen unberücksichtigt bleiben. Demgegenüber wird hier argumentiert, dass sich nach dem Maidan bisher keine konsolidierte neue Machtordnung in der Ukraine ergeben und sich vielmehr ein postrevolutionäres Vakuum eingestellt hat, das die Trägheit des Reformprozesses umfassender erklären kann.

Es ist natürlich selten dämlich, solch eine Story zu verbreiten und dann eine Quelle anzugeben, die sich definitiv wehren wird. Die Herleitung der Story ist aber interessant, denn sie wurde von einem abstrusen Blog erfunden, den die russischen Medien dann aufgriffen. Eine gute Methode, bei der sich niemand den Kopf über die eigene Manipulation zerbrechen muss, zumal eine Quellenprüfung ohnehin nicht erforderlich scheint. Für mich nur mal wieder ein weiterer Hinweis darauf, dass man sich der Thematik widmen muss, denn es läuft nicht immer so platt und ersichtlich ab. Eine Empfehlung des Hauses, wenn man sich näher mit dem Thema beschäftigen möchte: Hört diesen Podcast als Einstieg.

Die angebliche WDR-Story brachte es in zahlreiche weitere russische Medien, darunter in das Massenblatt Moskowskij Komsomolez. Das berief sich auf eine Online-Agentur mit Namen “Charkow”. Die ist allerdings selbst ein Fake und wird gar nicht in der ukrainischen Stadt Charkow gemacht, sondern, wie russische Medien recherchiert haben, in der berüchtigten “Trollfabrik” in St. Petersburg.

Es existieren ein paar Konflikte und Vorgänge, die in Deutschland sehr stiefmütterlich behandelt werden. Einer davon ist das Verhältnis zwischen China und Indien. Dieser Artikel bietet einen recht guten Überblick. (Bei Foreign Affaires gibt es einen Artikel im Monat kostenlos) An der Stelle auch noch der Hinweis, dass in den letzten Wochen vermehrt Berichte über Kriegsgerät im Wasser erschienen.

The waters between the Indian Ocean and the disputed Spratly Islands in the South China Sea are shaping up to be the front lines of a new great game that will spread throughout the Asia-Pacific. The game is much more complex than that between the British and Russian Empires over control in Central Asia during the nineteenth century. The front lines won’t be distinct or impenetrable; instead warships will mingle with cargo freighters and oil tankers as great powers seek to balance one another in the sea lanes. The potential gains in this game will be much greater, but the competition will be much more difficult to manage.

Obamas Statement zum Amoklauf in Oregon

Es gibt Dinge, die kann Obama. Er ist in verschiedenen Themen ernsthaft und spielt nicht nur eine Rolle. In diesem speziellen Fall, lässt er die Nation seinen Frust ganz frei spüren. Aber es ist nicht nur das. Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen ein Politiker seine generelle Ohnmacht eingesteht. Es braucht der Bürger, sie müssen der Politik, den Lobbyisten und den Unternehmen die Veränderungen abverlangen und Druck machen. Es geht nur durch den Bürger und tut er dies nicht, dann nimmt er die Toten bewusst in Kauf.

Natürlich gibt es bereits einen Einspruch. Denn Oregon hat doch einen kompletten Hintergrundcheck bei der Vergabe des Waffenscheins eingeführt. Nunja.

Nächste Buchrezension im Blog:

  • Robert James Fletcher – Inseln der Illusionen

Buch (am Lesen):

  • Jörg Baberowski – Räume der Gewalt (Meine Vermutung: Baberowski will den Arendt’schen Totalitarismusbegriff entwerten und Gewalt für das Bürgertum gangbar machen. Ich lese es wirklich ungern und quäle mich daher eine Weilchen damit herum.)

Bücher (zu lesen):

  • Saskia Sassen  – Ausgrenzungen: Brutalität und Komplexität in der globalen Wirtschaft (Auf das Buch stieß ich während meines Berlin-Besuchs. Es passt sehr gut zu den vielen Gesprächen die ich führte und die hier noch zu verarbeiten sein werden.)
  • Wendy Brown – Die schleichende Revolution: Wie der Neoliberalismus die Demokratie zerstört (Es ist mir entgangen, dass Wendy Brown auch endlich ein Buch in Deutschland veröffentlichen darf. Lange genug hat es gedauert und ich habe an verschiedenen Stellen dafür geworben, da sie eine der schärfsten Beobachterinnen unserer Zeit ist.)
  • John Lloyd & Laura Toogood: Journalism and PR (Auf die Studie stieß ich durch einen Artikel in der NZZ und einige Thesen klangen verheißungsvoll.)

 

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